Ambivalenz am Albtrauf - laufkultur.de

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Ambivalenz am Albtrauf

Ambivalenz am Albtrauf

Verschneiter Trailspaß beim Albtrauf-mini
Unter Ambivalenz (lat. ambo „beide“ und valere „gelten“) wird in der Psychologie das Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen, Gedanken und Aussagen verstanden. (Quelle: Wikipedia)

So kann man "Strecke von ca. 60 Kilometern mit rund 2000 HM auf dem inzwischen berühmten Albtraufweg" (so stehts in der Ausschreibung) durchaus als "mini" bezeichnen, wenn man weiß, dass es sich bei der Strecke nur um einen Teil des gut 100 km langen Albtraufgängers handelt. Aus der Denkwelt eines normalen Menschen übersteigt die Strecke jedoch deutlich die Grenzen des Vorstellbaren.

Apropos "normal"! Für uns ist es normal, einen Tag mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, abwechselnd Regen, Schneefall oder auch keine Niederschläge im Freien zu verbringen und dabei "gechillt" die angesprochenen 60 km abzuspulen. Es soll aber auch Menschen geben, die treibt höchstens die Lust am excessiven Shopping bei solchen Witterungsbedingungen vor die Haustür.

Es gibt aber auch Menschen, die ziehen sich an einem solchen Tag grün an, streifen durch die Wälder und schießen auf alles, was sich dort drinnen bewegt! Das kann auch "Freizeitbeschäftigung" sein. Aber nicht unsere. Wir ziehen es hingegen vor, solche Regionen weitäufig zu umgehen, auch wenn es uns viel Asphalt unter die Füße und dafür weniger Höhenmeter in die Oberschenkel einbrachte.

Womit wir uns schon kurz von der Ambivalenz ab- und hin zum Wesentlichen wenden können, nämlich dem eigentlichen Lauf.

Fast pünktlich um 8 Uhr starten wir in Eislingen; wir, das sind Mr. Mister Erwin, Wolfgang, Andreas "der Herr des Albraufs" und ich. Später werden dann noch Eva, Steffen und der Pit zu uns stoßen. Es hat soeben angefangen zu schneien und so folgen wir "jungfräulichen" Wegen (vor ein paar Tagen musste ich lesen, der Begriff "jungfräulich" wäre machomäßig, trotzdem will ich ihn hier verwenden als Synonym für das Schöne und Unberührte) hinaus aus der Stadt und auf schnellstem Weg zum Trail an den Waldrand. Dort werden wir jäh ausgebremst. Drückjagd! Uns bleiben 3 Chancen: Vom Jäger aufs Korn oder der Wildsau ins Visier genommen zu werden, oder nichts von alle dem; der Konfronation aus dem Weg gehen, lautet unsere Devise. Was sind schnöde Aspahltkilometer gegen den "Thrill im Unterholz"? Lieber von Freunden in die Mitte genommen werden als zwischen die Fronten zu geraten. Zum Glück sind wir flexibel. Und bald auch komplett auf unserer Runde unterwegs.
Sind wir allesamt Getriebene? Ständig vorwärts geprügelt vom nicht zu kontrollierendem Antrieb, die eigenen Grenzen in alle erdenklichen Richtungen zu verschieben? Oder treibt uns nur die Lust an der Bewegung nach Draußen, das unbeschreibliche Gefühl, für ein paar Stunden Teil der Natur zu werden, den Elementen ausgesetzt zu sein, immer im Wissen, dass der sichere Schutz nur wenige Kilometer abseits in greifbarer Nähe ist?

Im Tal geht der Schnee meist in Schneeregen über, auf dem Albtrauf ist es hingegen durchgängig weiß. Geislingen wirkt von Oben wie eine malerische, überzuckerte Wintertraumkulisse, selbst die vielen Indurstriehallen verlieren heute ihre Strenge und Unansehnlichkeit, die das Bild dieser Kreisstadt am Fuß der Steige prägen.

Hinunter nach Geislingen, nicht nur einmal, sondern gleich zweimal, denn wir steigen über das Eybtal noch einmal auf zu einer schönen Schleife, dann ist Pause. Rund die Hälfte der Strecke liegt jetzt hinter uns und wir haben Hunger. Wir genehmigen uns Zeit, Ruhe und leckeres Gepäck. Wo Viele den Sporttag ausklingen lassen würden, schütteln wir uns nur kurz, stülpen die mehr oder weniger feuchten Klamotten über und machen uns auf Teil Zwei der Runde. Die beginnt "ideal" zum Einrollen, mit dem knackigen Anstieg hoch zur Schildwacht. Unser Blick reicht fast bis zum Ziel in Eislingen, wir bleiben allerdings auf der Höhe, direkt an der Bergkante, um ganz fies alle Kurven und Biegungen des Albtraufs mitzunehmen. Erst in Hausen stürzen wir ins Tal, um sofort auf der gegenüber liegenden Seite die Hausener Wand zu erklimmen.
Mittlerweile hat sich folgende Situation eingespielt. Andreas und Wolfgang sind voraus, ich schleppe mich hinterher. Ab und an nehmen die Beiden einen Gang raus und ich schließe wieder auf. Jetzt zeigt sich das, was mir schon seit dem Albmarathon beschäftigt: Mir fehlen die langen Läufe. Gerade mal 5 lange Läufe mit mehr als 20 km habe ich seit dem Großglockner Ultra-Trail absolviert, die Lauterner Landschaftsläufe, den Rössleweg, den TransAlb (gewalkt), und den Albmarathon, letztendlich bleibt ein echter Trainingslauf übrig, eine mehr als magere Bilanz.

Oder ist alles nur Taktik? Werden die Letzten die Ersten sein? Lasse ich mich zurückfallen, um dann im weiten Bogen unbemerkt an den beiden Lauffreunden vorbeizuziehen, sie abzuhängen und die Runde als erstes abzuschließen? Fast könnte man es meinen, denn tatsächlich bin ich irgendwann alleine, kein Läufer mehr vor mir. Die Witterung ist verloren. Ständig schwanke ich zwischen "Gas geben und hinterher" und "Stehen bleiben und warten". Doch wollte Andreas nicht ein wenig vom Track abweichen? Kann also sein, dass Beides nix bringt. Ich stelle mich also darauf ein, die restlichen Kilometer alleine zurücklegen zu müssen, ergreife ich die Flucht nach vorne, in der Hoffnung, dass Andreas und Wolfgang genau so denken.
Mit Spannung fiebere ich dem Ziel entgegen. Werde ich dort bereits als Looser erwartet oder muss ich als unerwartet Schnellster warten? Nichts von Beidem! Ein Pfiff, ein Schrei, Wolfgang und Andreas kommen von Hinten, ich warte. Die letzten Meter vergehen wie im Flug. Wie konnte es passieren, dass wir uns verloren haben. Wo vor allem bin ich vorbei gezogen? Eine Frage, die spätestens nach der Dusche beim Italiener keinerlei Rolle mehr spielt. Da funkelt nur noch die Begeisterung über den heutigen Tag in unseren Augen. Schnee, Regen, Wind, Kälte und Erschöpfung werden von Wein und Espresso weggespült! Eine zweite Schleife über den Rest des Albtraufgängers ist schnell in unseren Köpfen. Wann?
Vielleicht noch in diesem Jahr...
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