Silvretta-Verwall-Marsch - laufkultur.de

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Silvretta-Verwall-Marsch

Die Entdeckung der Langsamkeit - Silvretta-verwall-Marsch

Entstehung einer Idee!
Jedes Jahr versuchen wir beim Team laufkultur.de ein neues und interessantes Projekt anzugehen. Irgendwie ging uns den Winter über der Karwendel-Marsch nicht aus dem Kopf. Doch gegen den sprachen zwei gewichtige Argumente: Zum einen die abschreckende Verheißung, mit 2498 anderen Teilnehmern über den Berg zu ziehen, zum anderen das Wetter, das traditionell beim Karwendelmarsch miserabel zu sein scheint. So fanden wir uns schnell bei einem anderen traditionsreichen Marsch wieder, dem Silvretta-Verwall-Marsch. Über 40 Jahre gibts den schon; als reine Wanderveranstaltung entstanden, war er vorübergehend auch ein Bergmarathon-Event, um mittlerweile wieder zu seinen Wurzeln zurückzukehren.

Mit der Anmeldung meldeten sich auch die Zweifel in uns! Wie wandert man einen Bergmarathon? Wie viel Zeit haben wir dafür zu veranschlagen?Dass die Runde läuferisch locker zu knacken ist, hatte ich ja schon 2007 bewiesen, als ich in meiner Altersklasse sogar auf dem Podium landete, doch die Vorstellung, eine solche Distanz mit dem Profil zu wandern, überstieg unsere Phantasie erheblich. Allerdings beruhigte uns die Tatsache, dass es Jahr für Jahr immer wieder viele Wanderer schaffen, weshalb dann nicht auch wir.
Vorbereitung
Unsere Vorbereitung läuft leider nicht wie geplant. Die Hüttentour durchs Steinere Meer fällt leider ins Wasser, selbst die alternative Besteigung der Schneekoppe einem heftigen Unwetter mit Hagelschauern zum Opfer. So müssen wir uns auf unsere Grundkondition verlassen und der Zuversicht, dass wir schon irgendwie in der zur Verfügung stehenden Zeit über den Berg kommen werden.

Verunsichert sind wir allerdings dennoch. Die Siegerehrung - unter anderem der ältesten Teilnehmer soll bereits am späten Nachmittag vonstatten gehen, es bleiben also gerade mal 12 Stunden, um bei einem pünktlichen Start um 6 Uhr rechtzeitig zurück in Galtür zu sein. In 12 Stunden 42 km bergwandern erscheint uns sportlich, wir wollen ja weder rennen noch hetzen.  

Am Abend vorher - in einer Galtürer Gaststätte - wird die unsere Verunsicherung dann noch komplettiert: In 7 Stunden wäre alles machbar, meint ein erfahrener Einheimischer, der schnellste wäre mal in weniger als 3 Stunden zurück gewesen... Streckenrekord! Weiß ich, das war 2007, als ich dabei war. Aber gewandert statt gelaufen bedeuten 7 Std. einen Schnitt von 6 km/h, ohne Pause, dafür im schwierigen Gelände. Als erfahrene Nordic-Walker können wir und 6 km/h gut vorstellen, keinesfalls aber auf dieser Strecke.

Der Verunsicherung steht allerdings gleichzeitig auch die Zuversicht entgegen, denn irgendetwas wird schon dran sein an den Zeiten. Nur aus der Luft gegriffen erscheinen sie uns nicht. Und eigentlich ist es auch egal, wie lange wir unterwegs sind, wäre da nicht die Wettervorhersage, die mit großer Wahrscheinlichkeit Regen prognostiziert für den Nachmittag.
Der Marsch beginnt
4:30 Uhr klingelt der Wecker. Den zu dem Zeitpunkt müden Augen steht die Vorfreude entgegen, dass wir wohl die einzigen Teilnehmer sein werden, die mit einem Kaffee im Bett den Morgen begonnen haben. Kurz nach Halbsechs sind wir dann am Markt, holen unsere Startkarten, sehen uns um. Zwischen Wanderern jeden Alters und jeder Gewichtsklasse tippelt auch eine handvoll "Drahtige" nervös hin und her, frierend in kurzem Hemd und Laufshorts. So ganz scheint der Renncharakter noch nicht aus der Veranstaltung verbannt zu sein.

Ein paar aufmunternden Worten folgt ein mächtiger Böllerschuss, offenbar kein Problem im traditionsbewussten Galtür morgens um 5:30 Uhr. Ein kurzer Stau, weil wir irgendwie noch unsere Startkarten abknipsen lassen müssen, dann gehts auf die Strecke. Nach wenigen Schritten schon liegt der Ort hinter uns und wir wandern talaufwärts Richtung Wirl. Vor mir sehe ich noch die paar Läufer enteilen, gefolgt von ersten schnellen Wandergruppen. Hinter uns folgt allerdings noch eine ausreichend lange Schlange um zu wissen, dass wir nicht so schnell abfallen können. Wenns so bleiben sollte, dann passt alles. Zügigen Schrittes steigen wir die leichte Steigung des Fahrwegs hinauf, schneller, als wenn wir alleine wandern würden, aber ohne sofort ins Schwitzen zu geraten. Das tun um uns herum genug andere Teilnehmer, jetzt verstehen wir, weshalb wir glauben, an einer Stelle der Ausschreibung das Wort "Leistungswanderung" gelesen zu haben. Kein schöner Begriff, denn Wanderung bedeutet für uns eigentlich nur Erholung, Freude an der Natur und sehr langsam aufkommende, wohlige Erschöpfung.
Neue Heilbronner Hütte - Friedrichshafener Hütte - Tschafein!
Schneller als gedacht überqueren wir das Zeinisjoch. O.k., wenns so weiter geht, dann ist alles gut. Wir überholen eifrig Wanderer, fühlen uns aber noch lange nicht am Limit. Das erreichen wir wohl eher durch die Distanz, weniger durch das angeschlagene Tempo. Ich "schwelge" in meinen Erinnerungen an meinen Start 2007, erinnere mich an die Strecke, die Verbella-Alpe, den steiler werdenden Fahrweg hoch zur Neuen Heilbronner Hütte. Pause dort!

Die können wir gut gebrauchen, sind nämlich schon 2 1/2 Stunden unterwegs. Am Zeinisjoch haben wir eher aus Pflichtbewusstsein zugegriffen, jetzt aus Hunger. Ein Kornspitz, gut belegt mit heimischen Schinken verschwindet rasch zwischen den Zähnen, dazu Tee, denn noch ist es streckenweise recht kühl gewesen.

An den weiteren Weg erinnere ich mich erst beim Entlangwandern. Doch hinauf zum Galtürer Joch verlässt mich mein Erinnerungsvermögen vollends. Erst kurz vor der Friedrichshafener Hütte wird mir klar, dass sich die Wegführung geändert haben muss und früher das Muttenjoch passiert wurde. Eine Streckenänderung, die sich bezahlt macht, spätestens wenn man am Galtürer Joch hinunter nach Galtür schaut. Der Blick ist gigantisch; interessant auch, dass der Weg zum Joch nicht in unserer recht neuen Kompass-Karte eingezeichnet ist, auch nicht auf den online-Karten, z.B. bei outdooractive.

An der Friedrichshafener Hütte freuen wir uns über die lecker schmeckende Suppe, die für frische Kräfte sorgt, sind allerdings etwas irritiert, jetzt doch schon mehr als 6 Stunden unterwegs zu sein. Ging es bis zur Heilbronner Hütte rasend schnell, hat der alpine Steig - vor allem über die verblockten Flächen - recht viel Zeit gekostet. Doch frisch gestärkt geht es erst mal abwärts, hinunter bis nach Tschafein. Wir sind überrascht, gerade hier nicht ständig überholt zu werden, denn bergab ist auch beim Wandern nicht unbedingt unsere Paradedisziplin. Wir stiegen lieber bergan. Zügig erreichen wir die Querung der Talstraße. Hier sind es noch 2 Kilometer bis Galtür, der Augenblick, sich endgültig für den Gold- bzw. Silberkurs zu entscheiden.
Gold oder Silber
Noch ist das Wetter trocken und wir fühlen uns noch recht frisch, kein Grund  also, sich für die kurze Distanz zu entscheiden. Wir wollen Gold!

Der Weg zur Lareinalpe steigt von hier aus wieder an. Die Stigung blibt  allerdings gemächlich. Hier können wir unsere Nordic-Walking-Technik ausspielen  und kommen zügig voran. Schwül wird es in der Senke, ein Anzeichen des  umschlagenden Wetters. Doch wir sind uns einig, dass wir viel schlechtere  Bedingungen erwartet haben, von daher kann uns Regen jetzt nicht mehr schrecken.  So erreichen wir gut gelaunt die Larein-Alpe, freuen uns dort über den leckeren  Tee, schwarz und vor allem noch mit frisch gepresstem Zitronensaft verfeinert.  Da könnten sich manchen Verpflegungsstellen eine Scheibe abschneiden.

Allerdings beginnt es leicht zu Tröpfeln und treibt uns dem Ziel entgegen. Wir  kommen nicht weit und der Regen wird heftiger. Wir stoppen kurz und packen  unsere Regenjacken aus. Froh sind wir, dass wir die Larein-Alpe hinter uns  haben, denn vermutlich hätten wir jetzt überlegt, ob wir uns in der Alpe  unterstellen. So ist die Entscheidung klar und wir ziehen weiter. Und der Regen  wird stärker. Schade, der Höhenweg hier hat im Trockenen sicher seine Reize,  jetzt richtet sich unser Blick nur noch zum Boden. Ständig weichen wir größer  werdenden Pfützen aus. Und greifen zur nächsten Schicht, wasserdichter Hose,  Notfallponcho und Regenschirm. Schade, wir hätten nur noch eine halbe Stunde  Trockenheit gebraucht, dann hätte es gut gereicht. So stapfen wir mit Blick nach  Unten Richtung Galtür. Und es dauert nicht lange, da werden die Bäume lichter,  das Grün dahinter heller und wir brechen aus dem Wald hervor. Galtür mit dem  Sport- und Kulturzentrum uns zu Füßen. Ein paar Meter noch und wir sind da.  Geschafft!

Wir ziehen uns die nassen Sachen aus, schütteln uns die  Tropfen vom Leib und sind stolz. Wenig mehr als 9 Stunden haben wir gebraucht.  Stolz strecken wir unsere Füße unter dem Tisch, genießen ein frisches Radler und  warmes Essen. 4 Std. 9 Minuten war ich 2007 laufend unterwegs. Von daher finde  ich unser Tempo recht beachtlich. Unsere Goldnadel haben wir uns also redlich  verdient. Und den "So-sehen-Sieger-aus-Sekt", den gibt es allerdings erst frisch  geduscht und trocken auf dem Zimmer. Schon sind wir dabei, neue Pläne zu  schmieden; wollen wir uns nicht doch mal an die 130 km beim ERZhike wagen oder  machen wir etwas ganz anderes? Wir werden sehen! Erst einmal freuen wir uns auf  die kommende Woche beim Hartfüssler-Trail!
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