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Der Ultra-Habicht... ein Extremsportler?
Wie komme ich zu der Frage?

Gerade bin ich mal wieder auf den Bericht eines "Extremsportlers" gestoßen, der in schillernden Farben seine Heldentaten ausbreitete. Nach kurzer Zeit hatte ich genug von Leiden und Heldentum, kam dann aber doch ins Grübeln. Was ist eigentlich ein Extremsportler und warum fühle ich mich dieser Spezies so überhaupt nicht zugehörig? Ich fühlte mich auch ein wenig ertappt. Meine Berichte müssen sich langweilig lesen, vermutlich klingt alles viel zu normal. Muss ich meinen Schreibstil ändern?

Gründlich wie ich nun mal bin, habe ich mich erstmal schlau gemacht und bin dem Begriff "Extremsportler" auf den Grund gegangen.


Einige Videos von Basejumpern, Surfern und Slacklinern später war zwar viel Zeit vergangen, wirklich im Bilde war ich jedoch noch nicht. Allerdings wusste ich, dass Extremsport und Exhibitionismus eng beieinander liegen müssen. Zur Leistung gehört heute das Zurschaustellen des Erlebten mittels Video. Die neuen Medien bieten dafür die entsprechende Plattform. Vielleicht wurde ich auch deshalb in meinem alten Brockhaus nicht fündig. Extremsport ist ein Produkt der letzten Jahre, wohl deshalb, weil mit der Eroberung der Pole und der höchsten Berge die Zeit der Entdeckungen abgeschlossen wurde und die Abenteurer der jüngeren Vergangenheit eine andere Spielwiese benötigen.

Erst auf Umwege wurde ich dann qualifiziert fündig. In seiner Dissertation schreibt Simon Sirch 2013: "...lässt sich festhalten, dass in den Massenmedien ein sehr weiter und unpräziser Extremsport-Begriff kommuniziert wird." Wiedererkannt habe ich mich dann in dieser Aussage: "Dass eine extreme Art und Weise des Sporttreibens nicht bedingungslos mit Extremsport gleichzusetzen ist, zeigte sich in der Fragebogenanalyse: Auf der einen Seite geben nahezu alle Extremsportler an, ihre Sportaktivität extrem zu betreiben. Auf der anderen Seite sehen sich nicht alle extrem Sporttreibenden als Extremsportler. Dieser Umstand wurde auf den diffusen Extremsport-Begriff sowie auf das massenmedial vermittelte Bild zurückgeführt. Offenbar grenzt sich ein beträchtlicher Teil der extrem Sporttreibenden von dem ab, was in den Massenmedien als Extremsport dargestellt wird."


Uns Sportlern empfiehlt Sirch "...den Ausdruck „Extremsport“ differenzierter und präziser zu verwenden", zum Beispiel als Ultraläufer den Begriff "extremen Ausdauersport" zu nutzen. Kritischer sieht er die oft unreflektierte Verwendung des Begriffs Extremsport: "Es scheint, als würden einzelne Erklärungsansätze von den Akteuren bevorzugt herangezogen, um ihre extremsportliche Aktivität für die Öffentlichkeit – und möglicherweise auch für sich selbst – zu begründen und zu inszenieren. Zu den beliebten Erklärungen gehören etwa die Themen Adrenalin, Leiden, Flow, Freiheit oder Grenzen. [...] Da sie an popularisiertes Wissen anknüpfen, sind sie für die Massenmedien besonders attraktiv."

Wie steht es da um mich?

Sirch schreibt: "Extremsport steht als Oberbegriff für Bereiche des Sports, in denen außergewöhnliche Bewegungen und Körperlagen auf körperlich aktive Weise ausgeführt und/oder außerordentlich weite Raumdistanzen bzw. langdauernde körperliche Belastungen überwunden werden." In diesem Sinne bin ich sicherlich "Extremsportler", doch fehlt mir vermutlich die Fähigkeit, mich massenmedial zu präsentieren. Und es stimmt: Begriffe wie Adrenalin, Freiheit oder Grenzen ausloten kommen in meinen Berichten so gut wie nicht vor, nicht mal ansatzweise. Ich bin auch weder leichtsinnig noch wagemutig, im Gegenteil, ich wäge sehr wohl ab, was ich tue oder lasse.

Sehe ich da Nachholbedarf für mich? Manchmal ja, z.B. wenn es darum geht einen Sponsor zu finden und für diesen interessant zu werden. Sirch meint dazu: "Andererseits könnte durch die Verwendung der immer gleichen und banal formulierten Erklärungen der Eindruck entstehen, dass extremsportliche Athleten oberflächlich und intellektuell anspruchslos wären." Er empfiehlt: "Eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Warum und Wozu des eigenen Sporttreibens könnte [...] gewinnbringend sein als auch zur persönlichen Weiterentwicklung beitragen." Das sehe ich genauso. Über meinen sportlichen Zenit bin ich hinaus, zumindest, was die Chance auf absolute Spitzenplatzierungen anbelangt. Mir geht es
in meinem Tun im Wesentlichen um die "persönliche Bereicherung", das Wahrnehmen des Geschehens, den Naturgenuss, natürlich auch im gewissen Maße die Selbsterfahrung. Doch dafür muss ich keine Grenzen in mir verschieben, mich auch nicht bis zur Selbstschädigung quälen. Deshalb lesen sich meine Berichte wohl häufig so "leicht".

Mit den paar Stunden Training in der Woche bin ich sicher nur anspruchsvoller Hobbysportler und weit weg vom echten Leistungssport, auch wenn ich dabei natürlich die nötige Ernsthaftigkeit an den Tag lege. Vermutlich trainiere ich sogar sehr effizient. Einen Anspruch darauf, in der Öffentlichkeit als Extremsportler gesehen zu werden, leite ich daraus ganz sicher nicht ab. Auch mit dem Begriff "extremer Ausdauersportler" kann ich nicht so viel anfangen. Dafür ist mir das Wort "extrem" zu negativ besetzt. Ich sehe mich schlicht als Ausdauersportler, nicht mehr und nicht weniger. Ich sehe mich auch nicht verantwortlich dafür, den Horizont meiner Umwelt und der Medien neu zu setzen. Das ist nicht meine Welt.

Wenn mich jemand als "guten Sportler" sieht, dann soll mir das genügen.




Quellen: Selbst- und Fremdbeschreibungen des Extremsports, Simon Sirch, 2013
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