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Bruder Leichtfuß im 3-Länder-Eck!
Helipad 2018
Genau 1 Stunde bin ich nun schon unterwegs. 12,69 km habe ich zurückgelegt, noch rund 60 km liegen vor mir!

Bin ich noch zu retten?

Hochgerechnet wären das mehr als 76 km innerhalb von 6 Stunden; zumindest so weit reicht mein Verstand noch, mir das im Kopf hochzurechnen. Allerdings war mein bester 6-Stunden-Lauf bislang 74 km und das bei idealten Bedingungen und ohne Steigungen... vor über 10 Jahren. Mir ist klar, dass ich so nicht weitermachen kann...
Doch von Beginn an...
Ich bin wieder mal im Herzogtum Limburg angekommen. 2012 stand Limburgs Zwaarste auf dem Programm, dieses Jahr starte ich beim Helipad. Im Herzogtum Limburg zu laufen bedeutet für mich, abwechslungsreiche Wege in herrlicher Natur zu erleben, aber auch ein läuferisches Fiasko zu erleben. 2012 lag ich lange Zeit in Führung, ehe mir einige Zusatzkilometer wegen Verlaufens und heftige Gewitter erst zurückwarfen und dann die Moral raubten.

Ich bin also gewarnt!

Ich übernachte wieder in Aachen bei Freund Jörg, der perfekte Ausgangspunkt für den Katzensprung über die Grenze ins nahegelegene Kerkrade. Dort ist man eine halbe Stunde vor dem Start noch entspannt, bietet Frühstück für die Läufer an, verteilt statt Startnummern GPS-Tracker und versammelt kurz vor 9 Uhr alle Läufer zum Briefing. Ich verstehe nur bruchstückhaft, allerdings habe ich auch nur für die Hälfte der insgesamt 148 Kilometer gemeldet.

Danach versammeln sich alle rund 50 Läufer im Kreis, jeder wird noch einzeln gefilmt, spricht seinen Namen in die Kamera, ein lustiges Ritual, doch jeder macht mit! Und dann gehts los für eine handvoll Starter wie mich über die Halbdistanz und rund 3 Dutzend Ultras, die sich heute (bzw. morgen) 150 km antun möchten.
Einmal Harakiri bitte!
Schnell sortiert sich unser Feld - wird einmal noch kurz durcheinandergemischt wegen leminggleichen Verlaufenverhaltens - und wird schon entlang des Amstelbachs nach wenigen hundert Metern ordentlich auseinander gezogen. Ich orientiere mich nach Vorne, eine gut bepackte flotte Läuferin, die schon vom Start weg voranprescht, zieht meine Ausmerksamkeit auf sich. Für die Kurzdistanz hat sie zu viel dabei, für die lange Distanz ist sie eindeutig zu schnell. Da sich hinter mir bereits eine ordentliche Lücke auftut, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu ihr aufzuschließen.

Das erweist sich problematischer als gedacht. Nur langsam und Meter für Meter gelingt es mir, den kleinen Rückstand zu verkürzen. Frederick klärt mich unterwegs noch auf: Irene Kimmegin, erstklassige Triathletin (PB: 9:27; Hawaii: 10:03) und Ultratrail-Läuferin bestimmt hier das Tempo und voraussichtlich den obersten Platz auf dem Podium.

Bis zum 1. Verpflegungspunkt nach 25 Kilometern werden wir als Trio die Spitze bilden. Doch spätestens dort sagt mir die Vernunft, dass ich mein Rennen von nun an alleine bestreiten muss. 12,7 km in der 1. Stunde, nach exakt 2 Stunden und 24 Kilometern in Heijenrath am 1. Verpflegungspunkt. Das ist definitiv nicht mein Tempo, so gut es mir bis dahin auch gefallen haben mag. Ich versorge mich ausgiebig, lasse Frederick und Irene ziehen. Immerhin habe ich heute ein wenig gepokert und bin nur mit einer kleinen 500ml-Flasche an den Start gegangen. Die muss jeweils für die 25 km zwischen den Versorgungspunkten reichen, tut das aber nur, wenn ich die Verpflegung nutze und dort ordentlich Flüssigkeit tanke.
Das 2. Drittel
Das 2. Renndrittel gehe ich bedeutend bedächtiger an, behalte Irene aber trotzdem für lange Zeit im Blick. Auch sie hat ihr Tempo reduziert. Allein auf mich gestellt, habe ich von nun an mehr Muße für die lieblich anmutende Natur, muss allerdings auch alleine für meine Navigation sorgen. Der Helipad ist als Veranstaltung nicht extra markiert, ich muss also aufpassen, um keine Abzweigung zu übersehen. Und es wird in der Summe etwas hügeliger. Doch die Strecke gefällt mir. Asphaltabschnitte und Passagen durch einsame, kleine Dörfer wechseln mit schmalen Waldpfaden, die aber gut zu laufen sind und technisch keine Schwierigkeiten bilden. "Fluffige Trails" nennt man so was. Trotzdem lege ich mich heute gleich zwei mal lang, eine schwer erkennbare Wurzel wird mir zum Hindernis und meine Unachtsamkeit.

Ein Vespa-Treffen sorgt nicht nur für Abwechslung, sondern auch für reichlich Dreck in der Luft, in Val-Dieu gerate ich etwas in Verwirrung, als ich plötzlich Läufer vor mir entdecke. Dabei kann das eigentlich gar nicht sein. Erst als ich Startnummern sehe, ist mir klar, dass sich hier zwei Rennen kreuzen. Wenig später treffe ich auch auf Wegmarkierungen, offenbar gibt es eine Runde über 8 und eine über 20 km.

Ein Bauer hupt energisch von seinem Traktor, als ich seine Kuhweide kreuzen will, ich wähle also einen Weg außen herum, es wird mir also zu keiner Zeit langweilig. Und langsam erwarte ich die nächste Verpflegungsstelle. Meine Flasche ist leer und die immer wieder scheinende Sonne macht durstig. Doch sie will und will nicht kommen (ich habe sie auch nicht auf meinem Track markiert). Irgendwann komme ich dann auf die schlaue Idee, auf dem Streckenplan nachzusehen, den ich mir gedankenlos zusammengefaltet in meine Beintasche gesteckt habe. Erschrocken stelle ich fest:

Die Verpflegung liegt hinter mir und meine Flasche ist leer!


Überlebenstraining
Ich beginne fieberhaft zu überlegen. Noch liegen rund 25 km vor mir, das bedeutet, sollte ich nicht irgendwoher etwas zu trinken bekommen, dann wird es richtig eng. Ich muss also versuchen, an Wasser zu kommen, d.h. Lokale zu finden, Sportstätten oder sonstige öffentliche Einrichtungen. Oder Leute anbetteln.

Doch ein Blick auf die Karte verheißt erst mal nichts Gutes. An der Gedenkstätte der amerikanischen Armee gehe ich schon mal leer aus, aber ich bekomme zufällig Frederick zu Gesicht, der offenbar Irene passieren lassen musste.

Es ist wie verhext. Kein Cafe, kein Restaurant, die Straßen sind wie leergefegt. Nicht mal ein einsamer Brunnen plätschert auf einem Dorfplatz. Und so lege ich Kilometer für Kilometer zurück, bis ich tatsächlich an einer Steigung auf Frederick auflaufe, eigentlich unglaublich, in meinem Zustand. Aber er sieht noch wesentlich schlechter aus als ich und so verliere ich ihn schnell wieder aus den Augen. Mittlerweile laufe ich mit der Kartein der Hand, um mich 1. besser orientieren zu können und 2. zu sondieren, wo ich evtl. Wasser herbekommen könnte. Doch hinter Welkenraedt gebe ich die Hoffnung auf...
Die Rettungs-Cola!
Die Erlösung!
Doch hinter der Brücke über die E40 kommt die nicht mehr erwartete Rettung: Ein kleines Häuschen, hohe Hecken, 2 ihr Revier verteidigende Hunde... schon bin ich geneigt, abzudrehen, als ich mich doch überwinde, ans Gartentor zu treten. Ein älteres Ehepaar kommt heran, ich frage nach etwas zu trinken und bekomme tatsächlich wenig später eine gut gekühlte Cola in die Hand gedrückt... "Ich solle die leere Dose dann einfach über den Zaun werfen" meinte der Mann und verzieht sich wieder in den Garten hinter dem Haus... das nenne ich selbstlose Gastfreundschaft.

Genussvoll rinnt die halbe Dose meine ausgetrocknete Kehle hinunter. Den Rest fülle ich mir in meine Flasche, denn letztendlich ist die kleine Dose nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Doch sie gibt mir tatsächlich wieder Schwung und Kraft zurück. Vermutlich hilft sie mehr dem Kopf als dem Körper, aber das ist egal. Aber sie bringt auch den fast unerträglichen Durst zurück, den ich die letzte Stunde versucht habe, auszublenden. Zum Glück habe ich mir die Reserve in meine Flasche abgefüllt, so kann ich mit den wenigen Schlucken zumindest ein klein wenig gegen den aufkommenden Durst arbeiten.

Doch zum Glück wird in der Ferne auch schon Burg Limbourg sichtbar, das Ziel liegt also schon in greifbarer Nähe. Im sanften Gefälle geht es nach Dolhain hinunter, wo ich mich mühsam durch die Baustellenabsperrungen winde. Die letzte Steigung, dann habe ich es geschafft. Ich biege ab in den historischen Place Saint-Georges und lande erst mal in einer Szene von Star Wars. Keine Ahnung, was die hier wollen, aber überall stehen Stormtrooper und Darth Vador, nur das Ziel finde ich nicht. Geht es mir jetzt wie an der 2. Verpflegung, die ich nicht finden konnte?

Mir tut alles weh, ich habe Durst, keine Lust mehr und will endlich ans Ziel. Erst nach einigem Suchen werde ich in einem kleinen Hinterhof fündig. Für mich endet hier das Rennen, im Garten des Ambassade du Pays de Rode à Limbourg. Dankbar greife ich zum alkoholfreien Bier, schimpfe erst mal eine Weile, um mich dann in dem stilvollen kleinen Garten umzusehen. Die ziemlich genau 100 Jahre alte Burg Limbourg, ich würde sie eher als kleine, befestigte Stadt bezeichnen, macht schon einen imposanten Eindruck. Würde ich mich besser fühlen, würde ich hier auch noch mehr Zeit zu Erkundungen verbringen. Aber der heutige Lauf hat mehr Kraft gekostet, als ich eigentlich investieren wollte. Zuerst das hohe Tempo, dann das "Trockenlaufen", das war alles nicht nach Plan.

Doch das Rennen hat auch sein Gutes: Den bevorstehenden Albtraum 100 werde ich sicher mit sehr viel Zurückhaltung angehen. Und die Fähigkeit, mit Krisen umzugehen, habe ich auch mal wieder erfolgreich getestet.
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